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Sichelschmiede

Werkstatt für Friedensarbeit in der Kyritz-Ruppiner Heide

 

Pressespiegel

Artikel in Graswurzelrevolution, Mai 2006

Ein Nein ist nicht genug

Bericht von den Ostermärschen in Fretzdorf und Colbitz

Er hat es nicht leicht, der Ostermarsch in Fretzdorf. Obwohl seit Jahren regelmäßig der größte Ostermarsch in Deutschland, wird er in der Mobilisierung zu den Ostermärschen immer noch als einer unter vielen, als regionale Veranstaltung gehandelt. Und in diesem Jahr verlautbarte gar der Presseservice der Friedenskooperative: "Am Ostersonntag begeht die Bürgerinitiative FREIe HEIDe ihre 100.Protestwanderung gegen das Bombodrom in der Colbitz-Letzinger Heide."

Um dieses Geheimnis endlich mal zu lüften: Es gibt sie beide. Die Colbitz-Letzlinger Heide bei Magdeburg, wo die Bundeswehr und die NATO auf einem 230 Quadratkilometer großen Gelände üben, wie man sich als Besatzungsarmee verhält. Wo das Kommando Spezialkräfte (KSK) sich auf Einsätze vorbereitet wie die im Kosovo und in Afghanistan, die vom Völkerrecht und vom Grundgesetz in keiner Weise gedeckt sind. Und wo die Bürgerinitiative "Offene Heide" seit 1993 an jedem ersten Sonntag im Monat mit ihrem Friedensweg symbolisch ein Stück des militärischen Sperrgebiets in Besitz nimmt. Und die Kyritz-Ruppiner Heide bei Berlin, wo die Bundeswehr seit 1993 vergeblich darum streitet, den 142 Quadratkilometer großen, unter Stalin angelegten Truppenübungsplatz nutzen zu dürfen, um das Bombenwerfen zu üben. Und wo die Bürgerinitiative "FREIe HEIDe" ebenso lange für eine zivile Nutzung des Geländes eintritt.

In der Colbitz-Letzlinger Heide trafen sich am Ostersonntag etwa 150 OstermarschiererInnen am "Panzerdenkmal" in der Mitte des Platzes, das über eine von der Bundeswehr freigegebene Straße zu erreichen ist. Die Polizei war mit erheblichen Kräften präsent, hatte sogar erstmals zu einem Friedensweg Hunde mitgebracht und verhinderte erfolgreich, dass "kriminelle Gewalttäter" Müllsäcke über die Schilder stülpten, die die Grenze des militärischen Sicherheitsbereiches ausweisen. Andererseits war sie nach eigenem Bekunden nicht in der Lage, die Demonstration auf der Bundesstraße abzusichern, so dass der Friedensweg statt dessen den Weg durch den Wald nehmen musste.

Bei der Auftaktkundgebung sprach Peter Strutynski vom Bundesausschuss Friedensratschlag; Schwerpunkte seiner Rede waren die Kriegsgefahr im Iran, der andauernde Krieg im Irak und die Situation in Israel und Palästina. Nach einer Auftaktkundgebung folgten 11km Marsch nach Colbitz. Dort erwartete die TeilnehmerInnen ein Gottesdienst sowie ein "Markt der Möglichkeiten", bei dem ansässige Kleinbetriebe ihre Produkte vorstellten und damit aufzeigten, wie eine gesunde und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Region ohne Militär aussehen könnte.

In Fretzdorf versammelten sich am Ostersonntag etwa 12.000 Menschen zum Ostermarsch, der zugleich die 100. Protestwanderung der BI FREIe HEIDe war. Wie bei jeder Protestwanderung, gab es zunächst eine geistliche Besinnung, diesmal durch Prof. Theodor Ebert. In der Tradition von Pastor Martin Niemöller, der als persönlicher gefangener Adolf Hitlers in Dachau überlebte, stellte Ebert die Frage "Was würde der Herr Jesus zum Bombodrom sagen? Und was würde er zu der Behauptung sagen, dass wir Deutschen eine Nato Response Force brauchen, um den Terrorismus zu bekämpfen, und dass diese Nato Response Force in der Kyritz-Ruppiner Heide das Abwerfen von Bomben und den Luftkampf üben muss?"

Er wäre strikt dagegen, so Eberts Antwort – und weiter: das Nein zum Bombodrom sei aber nicht ausreichend. Das jesuanische Konzept brauche die Bereitschaft, auf Bedrohung mit einem konstruktiven Programm zu antworten: "...wir müssen durch unser hiesiges Verhalten zeigen, dass wir uns vor Terrorismus und Energieengpässen nicht fürchten, sondern darauf vertrauen, dass diese Probleme sich mit friedlichen Mitteln bearbeiten lassen und dass wir die Geduld haben, akute Bedrohungen auszuhalten - ohne zu militärischen Sanktionen zu greifen." Dabei grenzte er sich ausdrücklich ab von der Argumentation des verteidigungspolitischen Sprechers der Grünen, Winfried Nachtwei, die Bundeswehr brauche ja das Bombodrom gar nicht, weil sie auch anderswo üben könne: Wenn man Martin Niemöllers Frage ernst nehme, so Ebert, dann müsse man sich fragen: Wie stehe ich eigentlich zu dem Problem des internationalen Terrorismus und der ihn letztlich motivierenden ungerechten Verteilung der Güter dieser Erde?

Nun ist es ein wenig ungerecht, der BI FREIe HEIDe sozusagen ins Stammbuch zu schreiben, sie solle sich endlich auch grundsätzlich gegen Kriege wenden, denn genau das tut sie seit Beginn ihrer Arbeit. Motto war schon immer "Hier nicht und nirgendwo". Allerdings gingen die anschließenden Grußworte von Vertretern der Landesregierungen von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg dann doch wieder mehr in die Richtung "Die Bundeswehr braucht das Bombodrom nicht, sie kann auch woanders üben".

Nach einem kurzen Marsch zu einer großen Wiese am Rand des Bombodroms tanzten die vielen tausend TeilnehmerInnen gemeinsam Sirtaki – auch dies eine Tradition der Protestwanderungen, die aber noch nie mit so vielen Menschen zugleich begangen wurde. Als Hauptredner der Abschlusskundgebung gab Rechtsanwalt Geulen Auskunft zum Stand des juristischen Verfahrens: eine Verhandlung über den Eilantrag der Bundesregierung wird in den nächsten Monaten erwartet. Geulen ist zuversichtlich, dass der Eilantrag abgelehnt wird: "Wir sind gut aufgestellt". Zugleich wies er darauf hin, dass neben der juristischen Auseinandersetzung immer auch der Protest und Widerstand wichtig sind, da sich ohne diesen gesellschaftlichen Druck die Bundeswehr sehr schnell durchsetzen könne. Zuversichtlich zeigte sich auch Elisabeth Schroedter, Europaabgeordnete der Grünen: Große Teile der Kyritz-Ruppiner Heide sind von der EU als Flora-Fauna-Habitat anerkannt. Bei der EU läuft derzeit ein Vertragsverletzungsverfahren wegen der Pläne zur militärischen Nutzung dieser Gebiete. Die Bundesregierung müsse jetzt erst mal nachweisen, so Schroedter, dass die Nutzung des Platzes als Luft-Boden-Schießplatz weder das Brutverhalten der seltenen Großvögel behindere noch die Heidelandschaft zerstöre. Dies werde wohl kaum gelingen.

Ein weiterer Höhepunkt nach dem Sirtaki war der Auftritt der Gruppe "Lebenslaute" mit dem Freie-Heide-Lied (siehe "Concert for Anarchy" in dieser GWR). Beim Refrain "... wird dieser Bombenplatz von uns besetzt" wurden so manchem und mancher die Augen feucht. Ein Sprecher der Gruppe Freie Heide Neuruppin-Berlin stellte anschließend die Kampagne "Bomben Nein - Wir gehen rein" vor, in deren Rahmen schon über tausend Menschen angekündigt haben, im Falle der Inbetriebnahme des Bombodroms durch Platzbegehungen den Übungsbetrieb zu stören. Die Kampagne soll bei den diesjährigen Sommeraktionstagen weiterentwickelt werden. Dazu wäre es gut, wenn möglichst viele Gruppen und Einzelpersonen, die sich an der Kampagne beteiligen möchten, dort präsent wären und sich möglichst auch schon an der Vorbereitung beteiligen könnten.

Das geplante Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner Heide ist nicht nur ein regionales Problem. Wer Bomben werfen üben will, bereitet sich auf Angriffskriege vor. Damit wird an diesem Ort in besonders eindeutiger Weise sichtbar, wohin die Pläne der Bundeswehr und der NATO gehen. Der Widerstand für eine FREIe HEIDe könnte zu einem Kristallisationspunkt der Friedensbewegung werden, zu einem starken Symbol für unsere Ablehnung der Kriegspolitik, wie sie in den "Verteidigungspolitischen Richtlinien" festgeschrieben wurde. Nicht erst, wenn die Bundeswehr mit dem Bombardieren anfängt, sondern schon jetzt - denn der Ernstfall ist schon lange da.

Um auch Menschen von außerhalb der Region mehr "ins Spiel" zu bringen, Informationen zu verbreiten, Anlaufstelle zu sein, Aktionstrainings durchzuführen, haben wir das Projekt "Sichelschmiede" gegründet (siehe GWR 304). Voraussichtlich ab Juli 2006 werden wir eine Wohnung in der Nähe des Bombodroms haben, wo ihr uns gerne besuchen könnt.

Ulrike Laubenthal, Sichelschmiede