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Sichelschmiede

Werkstatt für Friedensarbeit in der Kyritz-Ruppiner Heide

 

Pressespiegel

Märkische Allgemeine Zeitung, Dosse-Kurier, 30.9.09

Ausflug in die Heide diesmal ganz offiziell

Vertreter der Freien Heide und der SICHELSCHMIEDE besuchten Kommandantur / Erläuterungen zu Art und Umfang der Beräumung

Neun Mitglieder und Sympathisanten der SICHELSCHMIEDE und der Freien Heide haben sich gestern mit Begleitung von Offizieren den Truppenübungsplatz angeschaut.

Von Uta Köhn

KUHLMÜHLE Menschen wie Ulrike Laubenthal, Rainer Kühn oder Barbara Uebel kennen die freie Heide natürlich. Oft genug unternehmen sie Ausflüge in die weite Landschaft, durchqueren den Schießplatz und scheuen sich auch nicht vor Wegen, die durch hochgradig munitionsbelastetes Gebiet führen. Gestern nun waren sie erstmals mit Genehmigung auf dem Platz. Geführt vom Kommandanten schauten sie sich an, wo die wirklichen Probleme auf dem Platz liegen – nämlich unter der Oberfläche.

Zuvor hatte Kommandant Oberstleutnant Thomas Hering einen zweistündigen Vortrag gehalten – über das, was bisher an Altlasten geborgen wurde, wie hoch die geschätzte Belastung noch ist, wie die kleinen Clusterbomben wirken, dass es für die Calluna-Heide eigentlich schon „fünf nach zwölf“ sei. Und er beantwortete viele Fragen, die eigentlich alle darauf abzielten, dass endlich die Wege über den Platz für die zivile Nutzung freigegeben werden sollen. Immerhin lägen auch in Oranienburg jede Menge Bomben in der Erde und dort lebten ja auch Menschen.

Hering erklärte: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass Plätze entmunitioniert werden, die nicht militärisch genutzt werden.“ Das Problem: Fürs Militär sind Wege nutzbar, wenn sie zwischen 20 und 50 Zentimeter tief von Munition befreit sind. Innerhalb des zumutbaren Dienstrisikos ist Soldaten aber auch Bundesförstern das Betreten und Befahren erlaubt. Wenn irgendwo Biwaks, Stellungen oder Schanzen angelegt werden sollen, muss die Fläche bereits 250 Zentimeter tief beräumt sein. Ist eine Bebauung geplant, müssen bis zu einer Tiefe von 650 Zentimetern alle Altlasten entfernt sein.

Das ist auch die Tiefe der Beräumung, die von den Vereinten Nationen für eine zivile Nutzung gefordert ist. Hering erklärte, dass keine Freigabe erteilt wird, wenn das nicht gewährleistet ist.

Neben Einzelheiten zur Art und Weise und den voraussichtlichen Kosten, die seiner Einschätzung nach entstehen, erläuterte er auch, wie schwierig das Aufsuchen von Munition ist. Denn die Angehörigen der Sowjetarmee haben nicht nur Munition hinterlassen, auf die die Sonden mit entsprechenden Ausschlägen reagieren, sondern sie haben auf weiten Flächen auch ihren ganz normalen Müll entsorgt. Und so schlagen die Munitionssuchgeräte auch an, wenn Fischbüchsen oder Radbolzen im Erdreich liegen.

Auf einer Fläche von rund 5500 Hektar der Belastungsgrade B und C, das sind die blau und rot gekennzeichneten Flächen, werden rund 1,55 Millionen Blindgänger vermutet. Auch die am wenigsten belastete Fläche A, im Gelände weiß gekennzeichnet, müsste noch einmal abgesucht werden.

Erst vor kurzem wurde im Nordteil des Platzes ein Areal festgestellt, auf dem eine große Anzahl von Altmunition vergraben wurde. Diese Fläche galt eigentlich, wie der gesamte Bereich nördlich der Ortsverbindungsstraße Schweinrich - Alt Lutterow als altlastenfrei. Diese Stelle war die erste Station auf der dreistündigen Besichtigungstour, die sich dem zweistündigen Vortrag anschloss. „Das Beste wäre es, die Blindgänger zu sprengen“, sagte Hering. Das funktioniere aber nur, wenn es der Bereich auch zulässt.

Die zweite Station, die den Besuchern gezeigt wurde, lag im hochgradig belasteten C-Bereich. Dort zeigten die Offiziere, wie die Sowjetarmee einst Stellungen baute – nämlich unter Einbeziehung von Bomben im Fundament – und wie Munition regelrecht verklappt wurde. Wie stark das Erdreich zum Teil auch mit Chemikalien belastet ist, sah man an den Flächen, wo mehr als anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der militärischen Nutzung immer noch kein Gras wächst – und erst recht keine Heide.

Ohnehin ist die Heidelandschaft mittlerweile stark gefährdet. 1995 hatte sich Besenginster und Calluna-Heide angesiedelt. 1996 kamen die Birken, die pro Jahr um etwa ein Meter wachsen. 1998 war die Fläche durchgehend mit Caluna-Heide bewachsen. Ab 2004 waren die Birken schon so groß und zahlreich, dass auf einigen Flächen Wälder entstanden, was wiederum mit hohem Laubeintrag verbunden ist.

Die letzte Station war der Generalshügel, wo dereinst Generäle den Flugübungen zugeschaut haben. Von dort aus hat man einen großartigen Überblick über die Heidelandschaft, die im Horizont in Wald übergeht.

Oben auf dem Hügel kam es zu einer Grundsatzdiskussion zwischen dem Kommandanten und den Besuchern, zu denen unter anderem der einstige Konversionsbeauftragte des Landes Brandenburg, Roland Vogt, gehörte, der in den 1980-er Jahren sogar für die Grünen im Bundestag saß. Unter anderem wurde der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan kritisiert. Soldat Hering betonte, dass er und seine Kameraden nur das umsetzen, was die gewählten Politiker von ihnen verlangen.

Roland Vogt meinte, dass es bei weitem nicht nur darum geht, Wege über den Platz für Zivilisten zu öffnen. „Das wäre ein Anfang.“ Nicht akzeptabel sei es, dass die Bundeswehr Geld für die Beräumung zur Verfügung hätte, dieses Geld aber nicht für die Fläche verwendet würde, wenn sie unter ziviler Verwaltung stünde.

Das sei eine Sache, die durch die Politik zu regeln sei, sagte Kommandant Thomas Hering.