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Sichelschmiede

Werkstatt für Friedensarbeit in der Kyritz-Ruppiner Heide

 

Pressespiegel

Artikel im BSV-Rundbrief 01/05, Mai 2006

Kein Krieg ohne Schießplatz

In der Kyritz-Ruppiner Heide haben wir heute die Chance, die Kriege von morgen zu verhindern

Die Bundeswehr hat es eilig: im Verfahren um die Nutzung des Bombodroms in der Kyritz-Ruppiner Heide will sie nicht die Entscheidungen in den zahlreichen anhängigen Gerichtsverfahren abwarten, sondern sofort mit den Kampfübungen beginnen.

Der Grund: Teile der Jagdbombergeschwader 31, 32 und 33 sind ab 1.1.2006 für sechs Monate in Bereitschaft als Teil der "NATO Response Force". Während ihrer Bereitschaftszeit müssen sie – sagt die Bundeswehr - an ihrem Heimatflugplatz sein, um innerhalb von 10 Tagen weltweit verlegt werden zu können. Außerdem müssen sie täglich üben, um ihre Einsatzbereitschaft zu erhalten, so das Bundesministerium der Verteidigung. "Um in dieser Phase dennoch die geforderten Fähigkeiten umfassend erhalten zu können, ist die Verfügbarkeit des Übungsplatzes Wittstock als einziger qualitativ geeigneter und schnell erreichbarer Übungsplatz im Inland ab Januar 2006 zwingende militärische Notwendigkeit".

Zwingende militärische Notwendigkeit oder Vorbereitung von Angriffskriegen? Wer sich in Deutschland mit Sozialer Verteidigung beschäftigt, hat allen Grund, den Konflikt um die Kyritz-Ruppiner Heide als mehr als nur ein regionales Problem zu betrachten. Das zeigt spätestens ein Blick auf die Aufgaben der Jagdbombergeschwader. Im Jugoslawien-Krieg 1999 waren es die Tornados des Jagdbombergeschwaders 32, die die jugoslawische Luftabwehr ausgeschaltet haben, um die ungestörte Bombardierung ziviler und militärischer Ziele im Land zu ermöglichen. "Alte Bekannte" für friedensbewegte Kreise sind auch die in Büchel in der Eifel stationierten Tornados des Jagdbombergeschwaders 33. Sie sind – im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Bundeswehr – teilweise mit amerikanischen Atombomben ausgestattet, die jeweils die 15-fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe haben.

Was in der Heidelandschaft zwischen Kyritz, Wittstock und Neuruppin geübt werden soll, das sind die Angriffskriege der Zukunft. In seinem Eilantrag an das Verwaltungsgericht, mit dem die Freigabe des Geländes zur sofortigen Nutzung gefordert wird, legt das Bundesverteidigungsministerium ausführlich dar, warum genau dieser Platz gebraucht wird, um das Zusammenwirken von Luft- und Bodentruppen aus verschiedenen NATO-Staaten zu üben. Das mag stark übertrieben sein, denn schließlich geht es der Bundesregierung darum, das Verfahren zu gewinnen, und da werden natürlich alle Register gezogen. Dennoch - wenn wir es schaffen, dass Bundeswehr und NATO wegen unseres Widerstands ihre Pläne aufgeben müssen, in der Kyritz-Ruppiner Heide den Krieg zu üben, dann gelingt uns damit gleich in mehrfacher Hinsicht ein Stück Soziale Verteidigung:

  1. Wir verteidigen die friedliche und umweltverträgliche Entwicklung einer Region gegen eine Politik, die die Interessen der Bevölkerung und die Belange des Naturschutzes ihren militärpolitischen Interessen opfern will.
  2. Wir verteidigen zugleich die Werte, die viele Menschen in unserem Land als Lehre aus der deutschen Geschichte verinnerlicht haben und von denen sich die diversen Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte mehr und mehr verabschieden: Von deutschem Boden darf nie mehr Krieg ausgehen. Wenn sich die Bundesregierung in ein paar Jahren eingestehen muss, dass der Luft-Boden-Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide politisch nicht durchsetzbar ist, dann wird das auch Auswirkungen über diese Region hinaus haben: Es wäre eine Absage der Gesellschaft an das Konzept einer "Armee im Einsatz", die weltweit deutsche Wirtschaftsinteressen mit Waffengewalt "verteidigt". Dies hätte auch positive Auswirkungen auf die europäische Außen- und Militärpolitik.
  3. Wir schaffen eine positive Beziehung zu Menschen in Ländern, die möglicherweise in Zukunft Kriegsgegner Deutschlands werden könnten: sie werden wissen, dass es hier Menschen gibt, die sich aktiv und entschlossen dafür einsetzen, dass von ihrem Land kein Krieg ausgeht.

Diese Vision kann Wirklichkeit werden, wenn die Friedensbewegung den Konflikt um die Kyritz-Ruppiner Heide aus der Rubrik "Lokales" herausholt und zu einem Kristallisationspunkt macht, zu dem Ort, an dem der Widerstand gegen die Kriegspolitik von Bundeswehr und NATO konkret wird.

Weil wir dafür etwas tun wollen, haben wir das Projekt "Sichelschmiede" ins Leben gerufen. Die Idee dahinter: in unmittelbarer Nähe zum geplanten Bombenabwurfplatz gründet sich eine Lebensgemeinschaft. Sie macht es sich zur Aufgabe, Anlaufstelle für Gruppen und Organisationen von außerhalb zu sein, die sich gegen das Bombodrom und für eine friedliche Nutzung der Heide engagieren möchten. Sie stellt – wo noch nicht geschehen - den Kontakt zwischen ihnen und den lokalen Initiativen her, macht den Erfahrungs- und Informationsschatz der örtliche Gruppen für auswärtige Engagierte zugänglich, verbreitet aktuelle Neuigkeiten aus der Heide in den Publikationen der Friedensbewegung. Ein weiterer Arbeitsbereich des Projekts wäre die Durchführung von gewaltfreien Aktionstrainings für Menschen, die sich auf Aktionen gegen das geplante Bombodrom vorbereiten möchten.

Frieden und Gerechtigkeit gehören für uns untrennbar zusammen. Eine Wirtschaftsweise, in der der Wohlstand der einen auf der Armut der anderen beruht, braucht Kriege, um zu funktionieren. Ein Engagement für Frieden muss deshalb unserer Meinung nach einhergehen mit einem Engagement für eine solidarische und umweltverträgliche Wirtschaftsweise. Das ist einer der Gründe, warum wir nicht einfach ein Büro gründen wollen, sondern eine Lebensgemeinschaft: sie soll auch ein Ort werden, an dem wir eine solche solidarische Lebensweise miteinander praktizieren. Deshalb gehört zu unserer Vision eine einfache Lebensweise, das Teilen der reproduktiven Arbeiten, ein Gemüsegarten, vielleicht auch ein paar Hühner und Ziegen, wenn sich welche finden, die ins Projekt einzusteigen bereit sind.

In unserer Vision ist die Sichelschmiede-Gemeinschaft auch ein Ort offener, lebendiger Spiritualität. Dazu gehört auch ein Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus, der Zeiten zum Arbeiten und Zeiten zum Feiern, Zeiten der Kontemplation und Zeiten der Aktion, Gemeinschaftszeiten und Zeiten für Individuelles kennt. Wir möchten damit einen Raum schaffen, die Wurzeln unseres Daseins zu spüren, die uns Kraft und Orientierung zum Handeln geben.

Die Idee für das Sichelschmiede-Projekt entstand im Zusammenhang des Trainingskollektiv "Windrose" (www.tk-windrose.de) . Sie wurde auf den letzten Sommeraktionstagen in Schweinrich diskutiert und inzwischen mit vielen Menschen sowohl in der Region Kyritz-Wittstock-Neuruppin als auch in Kreisen der bundesweiten Friedensbewegung besprochen. Die Projektbeschreibung wurde im Laufe der letzten Monate aufgrund der erhaltenen Rückmeldungen weiterentwickelt; eine aktuelle Version findet sich unter www.sichelschmiede.org. Dort sind auch Links zu den anderen Initiativen zu finden, die sich für eine Freie Heide engagieren. Was uns jetzt noch fehlt, sind MitstreiterInnen: wir suchen Menschen, die Lust haben, die Sichelschmiede-Gemeinschaft mit uns zu gründen und die Arbeit zu tun, die es braucht, um unsere Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

Mit der Arbeit an dieser Vision warten wir allerdings nicht, bis wir die Gemeinschaft gegründet und uns eingerichtet haben: wie ihr an diesem Artikel seht, haben wir damit bereits angefangen. Für die nächsten Schritte wünschen wir uns Rückmeldungen unter anderem von Ihnen, den Leserinnen und Lesern dieses Artikels:

Inzwischen hat die Sichelschmiede ein erstes Domizil gefunden. Es werden weiterhin Menschen und Gruppen gesucht, die das Projekt mit regelmäßigen Beiträgen unterstützen. Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Webseite www.sichelschmiede.org.

Ulrike Laubenthal, Sichelschmiede